Der Boxer - Ein Portrait

Erschienen in der Hunde-Welt Ausgabe 10/97

Von Renate Beinker

Wenn die Augen der Spiegel der Seele sind - dann trifft das auf den Boxer in besonderem Maße zu. Sein ruhiges und ausgeglichenes Wesen gepaart mit einem kraftvollen, eleganten Körperbau hat den Deutschen Boxer seit gut einem Jahrhundert zum beliebten Familien- und Gebrauchshund werden lassen. Denn so lange ist es bereits her, daß sich im süddeutschen Raum einige Herren mit bewundernswert kynologischem Weitblick zur planmäßigen Zucht und Erstellung eines Rassestandards entschlossen. Um die Jahrhundertwende tummelten sich auf den Straßen durchaus schon Hunde mit boxerähnlichem Aussehen, weit entfernt vom "ästhetischen Erscheinungsbild des heutigen Boxers. Plump und o-beinig, geifernd und in unterschiedlichsten Farbschlägen - und doch erregten diese Bierboxer, Boxdoggen oder Bullenbeißer züchterisches Interesse. Damals schrieb der namhafte Hundeforscher und Tiermaler Beckmann: "In den größeren Städten Deutschlands begegnet man nicht selten einer großen, wohlgestalteten, rasch beweglichen und energischen Bulldoggenform, welche populär meist als Boxer bezeichnet wird.

Es würde ein leichtes sein, diesselben reinrassig zu züchten". Die engagierten Gründer des Boxer-Klub E.V., Sitz München, stellten sich 1895 dieser Aufgabe, und die Betreuung der Zucht, der Zusammenschluß der Züchter, Helfer und Freunde ist Zweck und Aufgabe des "BK" geblieben. Der damals aufgestellte Rassestandard übrigens hat seit 1938 keine Änderung erfahren. Einige Legenden ranken sich um die Entstehung der Rassenamens "Boxer"- sehr wahrscheinlich ist die Herkunft aus dem Englischen, denn Boxer bedeutet soviel wie Kämpfer. Eine andere Namensherkunft drängt sich jedem auf, der zwei Boxer einmal im Spiel beobachtet hat: Aufgerichtet auf den Hinterläufen wird so mancher Haken und Schwinger ausgeteilt!

Meta und Mirzl wären stolz auf ihre Nachfahren

Nun, "Meta von der Passage", "Mirzl", "Wotan" und "Flock St. Salvator" , die Tiere, auf denen die Reinzucht im zuchtbuchführenden Boxer-Klub München basiert, können auf ihre Nachfahren stolz sein: Der Boxer von heute präsentiert sich als mittelgroßer, glatthaariger, stämmiger Hund mit kurzem, quadratischem Gebäude und starken Knochen. Die Muskulatur ist trocken, die Bewegungen lebhaft, voll Kraft und Adel. Der Kopf weist ein harmonisches Verhältnis von breitem Fang und Oberkopf auf, die dunkle Maske umrahmt den Fang und die ausdrucksstarken dunklen Augen. Jeder hat schon einmal die kleine Anekdote belächelt, die erzählt, wie der "Mann" mit der schwarzen Maske" zu seiner charakteristischen flachen Schnauze gekommen ist.

Sie ist aber nicht so sehr Ergebnis einer wüsten Rauferei, die vor einer Mauer endet, als vielmehr Vermächtnis der Ahnen. Jagdherren im Mittelalter hielten neben wendigen Hunden, die die Beute aufstöberten, auch schwere, mutige Hatzrüden, die das gestellte Wild mit kräftigen Kiefern packten und festhielten. Diese Bärenbeißer und Saupacker besaßen einen verkürzten, breiten Fang, einen vorstehenden Unterkiefer und zurückgesetzten Nasenschwamm, die dem kleinen Brabanter Bullenbeißer etwa er gilt als unmittelbarer Vorfahr des Boxers - ermöglichten, trotz festem Zubiß weiterzuatmen. Dieser "Vorbiß" blieb als typisches Rassemerkmal des Deutschen Boxers genetisch verankert und verleiht dieser Hunderasse das einzigartige Gepräge.

Das Fell des Boxers ist kurz, glänzend und pflegeleicht

Das Fell des Boxers ist "pflegeleicht" kurz, hart, glänzend, besitzt aber keine Unterwolle. Der Boxerfreund kann zwischen verschiedenen Fellfarben wählen, die bei den "goldenen" Tönen von hellem Gelb bis dunkelhirschrot reichen. Bei der gestromten Variante begeistern Farbschläge wie hellgelb- oder hellgoldgestromt ebenso wie rotgold- oder dunkelrotgoldgestromt. Weiße Abzeichen sind bei allen Farben möglich und wirken oft sehr apart. Zur Fellpflege genügt ein Noppenhandschuh oder eine weiche Bürste und anschließendes "Polieren" mit einem feuchten Ledertuch. Als rnittelgroßer Hund kann der Boxerrüde eine Größe zwischen 57 und 63 cm und ein Gewicht von über 30 kg erreichen. Hündinnen sollten laut Standard eine Widerristhöhe von 53 bis 59 cm nicht überschreiten und etwa 25 kg im Mittel auf die Waage bringen.

Ein idealer Hund für die Familie

Doch das schneidige äußere Erscheinungsbild alleine macht die Beliebtheit des Boxers nicht aus: "Body and Soul", Titel eines Jazzklassikers, gehen bei diesem Hund eine bestechende Verbindung ein. Das Wesen des Boxers "ist von allergrößter Wichtigkeit und bedarf sorgsamster Pflege", sagen die Zuchtrichtlinien und weiter: "Seine Anhänglichkeit und Treue gegenüber seinem Herrn und dem ganzen Haus, seine Wachsamkeit und sein unerschrockener Mut als Verteidiger sind von Alters her berühmt ". "Sein Charakter ist bieder, ohne Falschheit und Hinterlist". Kein Wunder also, daß er ein geradezu idealer Familienhund ist, der Boxer ist schon fast sprichwörtlich kinderlieb und freundlich. Wer sich nun einen solchen Hausgenossen anschaffen möchte, sollte seinen Welpen nur bei einem verantwortungsvollen Züchter erwerben (siehe "Steckbrief"), der ihm den kleinen Kerl im idealen Alter von acht bis etwa zehn Wochen überlassen wird, denn mit Beginn der Sozialisierungsphase ist die Eingewöhnung im neuen Heim am einfachsten. Artgerechte Haltung im Rahmen der Tierschutzbestimmungen darf als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden, doch was ist für den Boxer " artgerecht"?.

Konsequente Erziehung des Vierbeiners ist wichtig

Ein noch so schöner großer Garten etwa ersetzt dem temperamentvollen, bewegungsfreudigen Vierbeiner nicht den täglichen Auslauf, der für das erwachsene Tier mindestens eineinhalb Stunden dauern sollte. Lauf-, Spiel- und Tobestunden sind Höhepunkte im Hundeleben. Wenn er Herrchen und Frauchen am Fahrrad begleiten darf - ein Vergnügen allerdings nur für ausgewachsene und gesunde Tiere - "flippt" mancher Boxer regelrecht aus. Familienanschluß ist notwendig, reine Zwingerhaltung ließe den Vierbeiner verkümmern. Außerordentlich sch"n findet die Samtschnauze ein kuscheliges Schmusestündchen, dann verziehen sich die Lefzen zu einem zufriedenen Lächeln. Doch "schlechte Karten" hat, wer sich nun vom Charme seines Hausgenossen einwickeln läßt: Einen Boxer sollte sich nur anschaffen, wer ihm eine liebevolle aber stets konsequente Erziehung angedeihen lassen will und kann. Schnell hat der junge Hund sonst herausgefunden, wie er menschliche Schwächen ausnutzen kann! Die große Lernbereitschaft des Deutschen Boxers und sein selbstbewußtes, nervenstarkes Wesen sollten wir uns lieber auf andere Weise zunutze machen.

Ausbildung zum Gebrauchshund und für den Turnierhundsport

Wer in seinem Boxer nicht nur den treuen Kameraden sieht, sondern ihn als eine der neun derzeit vom VDH anerkannten Gebrauchshunderassen ausbilden möchte, findet hierin Rat und Unterstützung auf einem der zahlreichen Hundeübungsplätze. Wer dort sein Tier zu einer Begleithundprüfung führt, hat neben der Gewähr, einen gehorsamen und damit "umweltverträglichen" Vierbeiner zu halten, auch die Voraussetzung für weitere hundesportliche Aktivitäten, die bis zur Deutschen oder Europäischen Meisterschaft führen können. Die Schutzhundprüfung (SchH 1, 2 und 3) erfordert eine gründliche Vorbereitung mit der richtigen Mischung aus Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen. In Führtenarbeit, Unterordnung und Schutzdienst müssen Mensch und Tier dabei beweisen, was sie erlernt haben. Der Boxerbesitzer wird dabei sehr schnell herausfinden, daß er den gewünschten Erfolg der freudigen Mitarbeit nur durch richtige Motivation seines manchmal recht eigensinnigen Sportkameraden erzielt.

Die Furcht, durch die Schutzhundausbildung einen Beißer zu erziehen, ist im übrigen unbegründet. auch der Boxer mit einem SchH-Ausbildungskennzeichen ist und bleibt ein zuverlässiger und ruhiger Familienhund. Hundewelt"-Leser wissen spätestens seit der Februar-Ausgabe 1997, daß Turnierhundesport für Boxer ein riesiges Vergnügen sein kann. Boxerrüde Ivo hat es dort mit Herrchen Albrecht Heidinger, Deutscher Meister im Geländelauf, vorgemacht.

Fitneß und Wendigkeit sind Voraussetzung auf dem Agility-Parcours, kein Problem für den stets zum lustvollen Spiel aufgelegten Boxer. "Platte Nase" kann hervorragend riechen Daß auch ein "plattes Näschen" überaus fein schnuppern kann, zeigt der Boxer bei der Verwendung als FH- (Fährten-)Hund beim Aufspüren einer menschlichen Trittspur und dem Auffinden etlicher Gegenstände. Kein Wunder also, daß diese Hunderasse weltweit im Katastrophenfall auch als Rettungshund eingesetzt wird. Unter schwierigsten Bedingungen zeigt der Boxer hier die gesamte Palette dessen, was an physischer und charakterlicher Kondition in ihm steckt. Das wär' s? Nein, der Deutsche Boxer ist ein wehrhafter Wachhund, kann bei entsprechender Ausbildung ebenfalls als zuverlässiger Polizeidiensthund, als Blindenhund, Lawinen-, Rettungs-, Sprengstoff- und Rauschgift-Suchhund eingesetzt werden. Also das Ideal eines Vierbeiners?

"Nobody is perfekt" , auch nicht der Deutsche Boxer!

Bei allen reingezüchteten Hunderassen, so auch beim Deutschen Boxer, wird die Neigung zu genetischen Defekten genauso wie die erwünschten Eigenschaften gefestigt. Eine auch beim Boxer auftretende Erbkrankheit ist die Hüftgelenksdysplasie (HD) und Ellenbogendysplasie (ED) - Es handelt sich um eine Gelenkfehlbildung, die neben erblicher Veranlagung durch falsche Aufzucht und Haltung beeinflußt werden kann, bei dieser Rasse jedoch nicht häufiger anzutreffen ist, als bei vergleichbaren anderen großen Hunderassen. Röntgenuntersuchungen schaffen diagnostische Klarheit- Aufklärungsarbeit und züchterische Maßnahmen seitens des Deutschen Boxer Klub - heutzutage darf ohne Einschränkung nur mit HD-freien und "HD-übergang"-Elterntieren gezüchtet werden - wirken einer weiteren Verbreitung entgegen. Bei allen großwüchsigen Rassen anzutreffen, bisweilen also auch beim Boxer, ist die Spondylose, eine Wirbelsäulendeformation, deren Vererbungsmodus noch nicht erforscht ist. Allergiebedingte Leiden und Krebserkrankungen machen bedauerlicherweise auch vor unseren liebenswerten Boxern nicht halt. Neben Krebs sind nach einer Untersuchung von Frau Dr. Helga Eichelberg (Zoologisches Institut der Universität Bonn) Herz-Kreislaufbeschwerden die häufigste Todesursache.

War noch vor 35 Jahren der Boxer mit sieben oder acht Jahren am Ende seines Hundelebens angelangt, so hat sich seitdem erfreulicherweise seine Lebensspanne deutlich verlängert: Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei neun bis 12 Jahren. So mancher um die Schnauze grau gewordene Veteran bringt es sogar auf 14 Jahre. Zur Begrüßung gibt es manchmal einen "Kuß" Zum vollständigen Portrait der Boxerrasse gehört aber auch der emotionale Gewinn, den diese sensiblen Rabauken "ihren" Menschen schenken. Bei jeder Begrüßung überschäumende Freude, die sich in Prusten und Schnaufen äußert. Und ein liebevoller "Kuß" auf die Nasenspitze ist keine Seltenheit. Weit entfernt scheint in solchen Momenten die jagdliche Verwendung der doggenartigen Vorfahren. Die positiven Seiten aber der alten "Bullenbeißerart"' sind noch immer vorhanden: Zuverlässigkeit und Mut, Härte und Belastbarkeit, .im Zusammenleben mit dem Menschen Anhänglichkeit. Treue und Schutztrieb schätzen Boxerfreunde seit mehr als einem Jahrhundert.